Närrischer Fußball

Der närrische Fußball hat im Wurzbacher Karneval eine lange Tradition. Am Neujahrstag 1960 nach einer durchfeierten Silvesternacht (damals fand zu Silvester eine Prunksitzung des Elferrates im Hammersaal statt) trafen sich die beiden Mannschaften TSC Grün-Gold (der Elferrat) und FC Schwammerle (Freunde des Karnevals) zur ersten "Schlacht" auf dem Fußballfeld.

Laut Spielbericht sollen sich die Zuschauerkulissen gebogen haben (ob wegen der vielen Zuschauer oder vor Lachen ist dem Bericht nicht zu entnehmen). Eigentlich sollte in der damaligen Karnevalszeitung Nr.1 dieser Spielbericht gar nicht erscheinen, sondern an seiner Stelle ein Grußgedicht zum einjährigen Bestehen des Vereins. Dieses Gedicht fiel der damaligen Zensur zum Opfer und die Elferratsmitglieder mussten in den bereits fertig gedruckten Zeitungen das Gedicht mit dem Spielbericht überkleben. Kaum zu glauben, was es nicht alles gab. Aber vor allem unsere Büttenredner können ein Lied davon singen.

Hier der Bericht von 1960:

Sportliche Prunksitzung" am 1. Januar 1960

FC Schwammerle - TSC Grün-Gold (Elferrat) Wurzbach

 

Die Terrassen bogen sich fast vor der zahlreichen Zuschauerkulisse (böse Menschen behaupten vor Lachen), als der Elferrat mit seinen bunten Mützen, genannt die grüngoldigen Jungens, im Spalier der Prinzengarde, die in Galabesetzung vom Prinzl. Zugmarschall Hertwig an­geführt wurde, mit dem FC Schwammerle einmarschierte. Das Echo des stimmgewaltigen, nach einer sportlichen Delikatesse hungernden Publikums war noch lange Zeit in den riesigen Kronen des Frankenwälder Hochwaldes zu hören. Voll Spannung geladen war die Atmosphäre, als das Leder von der holden Maid der Prinzengarde, Erika, angestoßen wurde und das Spiel des kommenden Jahrzehntes 1960-1970 seinen Anfang nahm.

Wenn schließlich am Schluß dieses dramatischen Kampfes das Ergebnis 2: 1 für den FC Schwammerle lautete, so war der Sieg nicht unverdient; denn die routinierten Schwammerle hatten in ihrem Torwart Oelschlägel nicht nur ein bisher unentdecktes »Talent«, wobei den begeisterten Zuschauern besonders die Pilz-Jägermütze sowie der Pilzanzug ins Auge stach, sondern es sicher auch seinem unermüdlichen Training (in der Sporthochschule Koburger, Leutenberger Straße) zu ver­danken, daß alle Spieler gut durchtrainiert waren. Die Elite der I. und II. Mannschaft, die dem FC Schwammerle mit Leib und (flüssiger) Seele verschrieben waren, sollten zweifellos zu noch größeren Aufgaben fähig sein. Der Beweis wurde bereits beim letzten Training am Vorabend -sprich Sylvester - erbracht; denn die Jungens waren davon derart begeistert, daß sie selbst noch die frühen Morgenstunden des Neujahrstages benötigten, um sich richtig austoben zu können. Ein Bravo für derartig starke Kondition!

Eine kämpferisch große Leistung vollbrachten die »Goldigen Jungens« der Karnevalsgesellschaft Grün-Gold, die sich zum Schluß des Spieles in eine derart konditions­starke Form hineinspielten, daß selbst der als Marathonläufer bekannte Schiedsrichter Gustav Junge mit seinem Tempo Mühe hatte, dem Spiel zu folgen. Die kluge Taktik dieser noch unbekannten Elf war nicht zu verkennen; denn sie brachte es mühelos fertig, sich dem Tempo des Unpar­teiischen anzupassen. Bedauerlich war, daß das gegnerische Tor während der gesamten Spielzeit starr an einen Fleck gebunden war, sonst hätten die mit größter Variante spielenden Stürmer des Elferrates sicher mehrmals ins Schwarze getroffen. So war es nur dem Stürmeraß, dem Zeremoniemeister Siegfried Köllner vergönnt, mit Hilfe

 

 

sämtlicher zur Verfügung stehenden Körperteile den Ball ins gegnerische Gehäuse zu befördern. Die Massen waren begeistert und wir werden in Zukunft sehr wachsam sein müssen, wenn wir ihn nicht an den Olympiakader ver­lieren wollen. Der spielerisch taktloseste Spieler war der Ministerpräsident Dieter Lemnitzer, der seine Pässe nach dem rechten Flügel so maßgerecht schnell gab, daß der fliegende Rechtsaußen Köllner sie niemals erreichen konnte. Unmöglich seine Härte! Wollte er damit seine spielerischen Mängel Köllner, Brandt und Kaufhold gegenüber verdecken??? Schade, daß der Sturmtank Hermann Müller, unser Minister für Familienangelegen­heiten, an seiner eigenen Kampfkraft scheiterte und in der zweiten Halbzeit ausscheiden mußte; im Besitz des Balles wäre er wohl darin kaum noch zu halten gewesen. Zweifellos talentiert sind der Minister für närrische Propa­ganda, Rudel Ott, und der Minister für Sitte und Moral, Gerhard Gottsmann, die allerdings für die gegebenen Verhältnisse zu schnell spielten und damit etwas aus dem Rahmen fielen. Von Torwart Günther S c h m i e d e 1 hatten wir allerdings bei dem ersten Treffer eine etwas glücklichere Erscheinung erhofft, doch wenn man sich als Ex-Nationaltorwart im Spiel gegen Addis-Abe-Ba im Glanz seiner ausgezeichneten Mitspieler sonnt, kann man es dann durchaus entschuldigen, wenn er durch diesen Glanz geblendet wurde.

Ob unser Präsident, Gerhard Ullrich, in diesem Spiel alles das gegeben hat, was in ihm steckt, war mehr als fraglich und vielleicht auf die letzten strapaziösen Trainings­tage des alten Jahres zurückzuführen sein. Unüberwindlich wurde das Bollwerk in der Deckung, als seine Persönlichkeit es verstärkte. Von Gerhard Greiner, dem Minister für Innere Angelegenheiten, und Heinz Schubert, dem Minister für Gesundheitswesen, zu sprechen oder ihre Spielweise noch zu kommentieren, wäre Wasser in die Sormitz getragen. Sie befleißigten sich jedenfalls uner­müdlich, sich in das trickreiche Spiel mehr oder weniger negativ mit einzuschalten.

Gustav Junge amtierte als Schiedsrichter. Die Sani­täter, mit Eduard Chalupski an der Spitze, konnten mit ihrem nervenstärkenden und beruhigenden Getränk C2 H5 OH oftmals eingreifen; denn es zeigte sich, daß das übermäßige Training in den letzten Stunden des alten Jahres auch auf dem Spielfeld nach den gleichen Methoden verlangte.

Hans-Joachim Brandt, Ehrensenator Mitgl. des Trainerrates d. Landessporthochschule Ziegelhütte

 

 

 

Leider besitzen wir aus dieser Zeit nur die beiden Fotos.

Aber vielleicht gibt es Karnevalsfreunde, die weitere Bilder aus der Anfangszeit des närrischen Fußballs oder des Karnevals überhaupt besitzen. Diese würden wir gerne in unser Archiv aufnehmen.

Über eine E-Mail an den Webmaster oder einen Anruf als Information würden wir uns sehr freuen.

Seither fand nun jedes Jahr ein Vergleich zwischen Elferrat und den "Schwammerln", später zwischen Elferrat und Stadtgarde statt. Dieser wurde mit dem Entstehen des Sommernachtsfaschings auch auf diese Jahreszeit verlegt und es beteiligten sich weitere Gruppen des Vereins, so dass sich ein echtes Turnier herausbildete.

Seit 1988 wird um den Wanderpokal des Elferrates gespielt, nehmen Mannschaften befreundeter Vereine am Turnier teil, wurde aus dem Turnier ein dreitägiges Fußballfest mit weiteren sportlichen und närrischen Wettkämpfen, mit Kinderfest sowie Tanz im Bierzelt an zwei Abenden.

Bisher konnten die KG "Kuckuck" aus Eberbach am Neckar und die Sormitzperlen je ein mal den Pokal für immer mit nach Hause nehmen.

Bilder vom Turnier 2006 findet ihr hier.