Kulturnachrichten aus Wurzbach

 

Günter Grass in Wurzbach

Günter Grass im Kunsthaus Müller in Wurzbach: Ein Besucher freut sich, dem Autor nah sein zu können. (Foto: Eva-Maria Kasimir)

Die gar nicht so kleinen Galerieräume in Wurzbach platzen an diesem Nachmittag aus allen Nähten. Nobelpreisträger Günter Grass hatte zum Galeriegespräch geladen.

Richtige Meister sind rar geworden. Selbst ein Günter Grass hat lange gesucht, ehe er den Drucker Christian Müller fand. Das war 1997, erzählt der Literaturnobelpreisträger gestern beim Galeriegespräch im Kunsthaus Müller.

 

Die gar nicht so kleinen Galerieräume in Wurzbach platzen an diesem Nachmittag aus allen Nähten. Kunsthauschefin Bärbel Müller spielt Platzanweiserin. Mehr als 120 Menschen lassen sich in ihre Galerie auch beim besten Willen nicht pressen. Doch weit mehr hätten gerne den 82-jährigen Literaturnobelpreisträger im Gespräch zur Ausstellung erlebt, die seit Anfang Juni in Wurzbach Plastiken, Radierungen und Steindrucke von Günter Grass zeigt, der von der Ausbildung her ja bildender Künstler ist. Die neueren grafischen Werke hat der Meister Christian Müller auf der Steindruckschnellpresse Faber und Schleicher in Wurzbach gedruckt.

 

Die Gäste sind noch nicht ganz verstaut, da erscheint Deutschlands berühmtester Schriftsteller. Die fränkische Lyrikerin und Performancekünstlerin Nora Gomringer (30) wird ihm genau eine Stunde lang Fragen stellen. Grass ist in Plauderlaune. Er lässt sich von den unentwegt klickenden Kameras nicht irritieren, erzählt aber Geschichten über die Tücken des Fotografierens. Immer wieder hat er auf seinen Reisen durch die Welt erlebt, dass Fotografen zur Kasse gebeten wurden. Oder Fotografieren verboten war. Als Zeichner aber blieb er stets unbehelligt und sah außerdem mehr, da er ja genau hinsehen musste.

 

Ilsebill salzte nach. Der erste Satz aus Grass "Butt" war 2007 zum schönsten Satz gekürt worden, mit dem je ein Roman begann. Was seine schönsten grafischen Arbeiten wären, will Gomringer wissen. Sie hängen in Wurzbach. Von seinen Radierungen schätzt Grass den wie ein Ufo über der Erde schwebenden Butt am meisten er ist für 1280 Euro zu erwerben , von seinen Steindrucken die Tanzszenen. Er sei ein leidenschaftlicher Tänzer, auch heute noch, erzählt er, seit er als junger Mann nach dem Krieg erstmals Dixieland hörte. Dieses nur im Tanz mögliche freie Bewegtsein feiern seine Lithografien: "Schwof", "Charleston", "Tango", "RagtimeIII zum Siedepunkt", heißen die Blätter.

 

Grass erläutert die Vorzüge seiner Doppelbegabung als Schriftsteller und bildender Künstler. Hat er ein neues Werk abgeschlossen, fühle er sich leer. Mit dem Zeichnen kehre dann die Kreativität zurück. Auch beim dreitägigen Besuch in Wurzbach war das so. Im September erscheint bei Steidl sein neues Buch "Grimms Wörter" über das Leben der Märchen-Brüder. Mit Christian Müller hat er drei Tage an der Lithopresse gearbeitet. Die Umschlaggestaltung für "Grimms Wörter" gehörten ebenso zum Programm wie die Verfeinerung der Vorzugsgrafiken zur Ausstellung. Und während der Drucker am Sonnabend ein Fernsehkabel in die Werkstatt legte, wollte Grass den Hund der Müllers gleich auf Stein zeichnen. Obwohl der Bernersennen Hund Max auch für einen Nobelpreisträger nicht stillhalten mochte, gelang die Skizze, bevor alle Arbeit eingestellt und das Spiel Deutschland gegen Argentinien genossen wurde. Gegen Spanien wird es die deutsche Mannschaft schwerer haben, meint Grass. Aber sie haben vor dem Tor eine Chance. Er tippt auf ein Endspiel Deutschland Niederlande.

 

Nach einer Stunde ist das Galeriegespräch zu Ende. Grass und seine Frau müssen nach Saalfeld zum Zug. Sie wollen vor Mitternacht in Lübeck sein. Hoffentlich hat Bärbel Müller ihnen ein paar von den 356 Stücken Kuchen mitgegeben. Denn während die Männer druckten, hat die Galeristin gebacken und gebacken: vorzügliche Thüringer Blechkuchen.

 

Die Grass-Ausstellung in Wurzbach ist noch bis 7. August zu sehen.

 

04.07.10

 

 

 

 

 

 

 

 

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